Das richtige Ernten von Kräutern bereitet vielen Balkongarten-Anfängern Kopfzerbrechen. Hier ein Erklärungsversuch in zwei Akten.

Erster Akt: Eine typische Szene auf dem Balkongarten. Du hast die Ratschläge von erfahrenen Balkongärtnern befolgt und zunächst mit dem Kräuteranbau begonnen. Eine sehr gute Idee! Denn Kräuter sind pflegeleicht und bringen schnell gute Ergebnisse. Du bist stolz auf deine schönen Kräuterpflanzen und das zu Recht. Die Vögel zwitschern und das Leben ist schön.

Zweiter Akt: Dieser Zustand konnte nicht ewig anhalten. Nun stellt sich die Gewissensfrage, die Frage nach der Ernte. Du traust dich nicht, diese kleinen Wunder der Natur anzurühren. Werde ich meine kleine Pflanze verunstalten? Oder sie gar so sehr verletzen, dass sie sich nie wieder erholen wird? Das kenne ich. Genauso ging es mir auch am Anfang.

Großer Irrtum!

Epilog: Großer Irrtum, ja. Denn das Ernten von Kräutern ist nicht nur DER Grund, warum du ursprünglich mit dem Balkongärtnern angefangen hast. Schmackhafte, frische Petersilie für deinen Salat … oder Koriander, um deiner Tajine den letzten Schliff zu verleihen … Aber das Ernten, natürlich im vernünftigen Ausmaß, fördert auch das Wachstum deiner Kräuter. Das hält sie sogar fit. Also hopp, ran an die Schere!

Kräuter ernten: Tipps für eine reiche und nachhaltige Ernte

Etwas später werde ich auf die Besonderheiten einiger der häufigsten Kräuterarten eingehen. Doch zunächst gibt es einige allgemeine Regeln, die für (fast) alle gelten.

Den Erntezeitpunkt richtig wählen

Auf dem Balkon kannst du die meisten Kräuter die ganze Saison über ernten, um deine kulinarischen Werke zu verfeinern. Die Ausnahmen findest du unten bei den jeweiligen Arten. Ein paar Blätter oder Zweige werden deinen Pflanzen nicht schaden (im Gegenteil!).

Wenn du deine Kräuter haltbar machen möchtest, wähle den Zeitpunkt, an dem der Gehalt an ätherischen Ölen in deinen Kräutern am höchsten ist. In der Regel ist das vor der Blüte der Fall (wobei es auch hier wieder einige Ausnahmen gibt). Außerdem solltest du die Ernte an einem sonnigen Morgen durchführen, sobald der Tau getrocknet ist (falls es einen gibt).

Und schließlich solltest du in jedem Fall mit der Kräuterernte warten, bis deine Pflanze voll ausgewachsen sind. Ob es sich um einjährige (oder zweijährige wie Petersilie, Kerbel oder Koriander) oder mehrjährige Pflanzen (wie Thymian, Rosmarin oder Melisse) handelt, gib ihnen 6 bis 8 Wochen nach der Aussaat Zeit, um kräftig genug zu werden, bevor du mit der Ernte beginnst.

Kräuter ernten mit Maß und Ziel

Grundsätzlich ist auf dem Balkongarten die Ernte von Kräutern die ganze Saison, ja sogar das ganze Jahr über möglich. Im Frühling und Sommer haben deine Kräuter ihr ganzes Leben noch vor sich und die Ernte kann großzügig ausfallen. Sie werden dann von Neuem durchstarten.

Vor und während des Winters solltest du nur sparsam ernten. Die jungen Triebe könnten unter der Kälte leiden und die Pflanze könnte zu geschwächt sein, um den Winter zu überstehen. Auch hier gibt es Ausnahmen, auf die ich später noch eingehen werde.

Generell gilt für Stauden (das sind die Mehrjährigen unter den Kräutern), dass du nicht mehr als die Hälfte der Blätter oder Stängel auf einmal ernten solltest. Natürlich nur, wenn du deine Pflanze länger behalten willst. Einjährige (oder zweijährige) Pflanzen kannst du hingegen am Ende der Saison vollständig ernten, da die Pflanzen nach der Blüte absterben werden. Tipps, wie du deine Kräuter haltbar machen kannst, findest du hier.

Die richtigen Werkzeuge und die richtige Technik

Um deine Kräuter zu ernten, egal ob es sich um die Spitzen oder ganze Zweige handelt, solltest du ein scharfes Messer oder eine saubere Schere verwenden. So wird die „Wunde“, die der Pflanze zugefügt wurde, sauber und ordentlich sein.

Bei Kräutern mit “weichen” Blättern wie Basilikum, Petersilie oder Melisse schneidest du die Spitzen der jungen Triebe ab. Bei Kräutern, die zur Verholzung neigen, wie viele mediterrane Kräuter (Thymian, Rosmarin, Oregano, Lavendel …), schneide ganze Zweige ab, um die Pflanze zu verjüngen.

Blüten abschneiden, was spricht dafür, was dagegen?

Das Aroma von Kräutern ist meistens vor der Blüte am stärksten. Danach verlieren sie an Geschmack oder schmecken sogar unangenehm. Das ist zum Beispiel der Fall für Schnittlauch, Minze oder Melisse … Aus diesem Grund wird manchmal empfohlen, die Blüten abzuschneiden, sobald die Knospen erscheinen. Dies, um die Ernte zu verlängern.

Ich persönlich schneide die Blüten nicht ab. Denn Kräuter ziehen Insekten magisch an. Außerdem sind die Blüten oft essbar und wirken auf dem Balkongarten sehr attraktiv. Es ist natürlich meine persönliche Entscheidung. Ich lade dich daher ein, zu probieren und zu kosten, bevor du dich für die eine oder andere Lösung entscheidest.

Wenn du Samen ernten möchtest, ist der Zwischenschritt der Blüte natürlich unerlässlich … Keine Blüten, keine Samen! Solltest du jedoch das Glück haben, „zu viele“ Blüten zu haben, was die Pflanze auslaugen könnte, kannst du immer noch ein paar abschneiden und essen (in den Fällen, in denen dies möglich ist, siehe unten).

Praktische Anleitung für bekannte Kräuter von A bis Z

  • Basilikum: einjährig. Schneide während der gesamten Saison 5 cm lange Zweige. Die Haupternte erfolgt im Juni vor der Blüte. Die Blüten können ebenfalls gegessen werden.
  • Gartenkresse: einjährig. Sie ist die „Turbopflanze“ für den Balkon und das Fensterbrett. Du kannst bereits 15 Tage nach der Aussaat ernten, indem du die Stängel kurz über dem Boden abschneidest.
  • Kerbel: einjährig (oder zweijährig). Ähnlich wie Basilikum. Er neigt dazu, bei zu warmem Wetter schnell zu „schießen“ (in Blüte zu gehen). Säe regelmäßig nach, um kontinuierlich zu ernten. Die Blütenknospen können ebenfalls gegessen werden.
  • Koriander: einjährig. Ähnlich wie Kerbel. Du kannst die Blätter und die Samen ernten (schneide in diesem Fall die Blüten nicht ab).
  • Majoran: mehrjährig (wird jedoch oft einjährig angebaut). Schneide die ganze Saison über ganze Zweige ab. Die beste Erntezeit ist, wenn sich die Blüten öffnen.
  • Melisse: mehrjährig. Schneide 5 cm lange Zweige während des ganzen Jahres ab. Nach der Blüte verliert sie an Geschmack. Daher erfolgt die Haupternte im Sommer vor der Blüte: Schneide dazu die Zweige 10-15 cm über dem Boden ab und löse die Blätter. Vor dem Winter kannst du die ganze Pflanze dicht über dem Boden zurück.
  • Minze: mehrjährig. Ähnlich wie die Melisse.
  • Oregano: mehrjährig. Schneide das ganze Jahr über die 10 cm lange Zweige 10 cm ab. Die Haupternte erfolgt WÄHREND der Blüte.
  • Petersilie: zweijährig. Schneide 5 cm lange Zweige ab. Achte dabei, das Herz der Pflanze unversehrt zu lassen. Die Ernte erfolgt während der gesamten Saison, aber VOR der Blüte (die im zweiten Jahr erfolgt). Sobald die Pflanze Blüten bildet, ist sie nicht mehr essbar.
  • Rosmarin: mehrjährig. Ganze Zweige das ganze Jahr über und beim jährlichen Schnitt nach der Blüte abschneiden. Die Blüten können ebenfalls gegessen werden.
  • Salbei: mehrjährig. Schneide die Spitzen das ganze Jahr über ab. Wenn du ihn trocknen willst, schneide ganze Zweige ab, in Maßen vor dem Winter. Die Blüten können ebenfalls gegessen werden.
  • Schnittlauch: mehrjährig. Schneide die Halme das ganze Jahr über 2-3 cm über dem Boden ab. Hat nach der Blüte (ab Mai) einen herberen Geschmack. Die Blüten können ebenfalls gegessen werden, jedoch nicht deren Stängel.
  • Thymian: mehrjährig. Ähnlich wie Rosmarin. Lasse an den Zweigen etwas Grün stehen (maximal 2/3 zurückschneiden). Thymian wird im zeitigen Frühjahr um 1/3 zurückgeschnitten und nach der Blüte erneut (nur die Spitzen). Die Blüten können ebenfalls gegessen werden.

Ich hoffe, dass du dich jetzt trauen wirst, aus dem Vollen zu schöpfen. Diese Tipps hast du nützlich gefunden? Zögere nicht und teile sie gerne weiter. Du kannst auch gerne deine Erfahrungen, Tipps und Tricks zur Ernte von Kräutern in den Kommentaren unten mitteilen. Wir sind neugierig.

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